{"id":20172,"date":"2022-12-24T12:55:42","date_gmt":"2022-12-24T11:55:42","guid":{"rendered":"https:\/\/mwehle.eu\/wp\/?p=20172"},"modified":"2022-12-28T07:38:57","modified_gmt":"2022-12-28T06:38:57","slug":"20172","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mwehle.eu\/wp\/?p=20172","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Den westdeutschen Reisepass wollte ich \u00fcber ein Jahr lang partout nicht annehmen. Ich reiste immer mit meinem noch g\u00fcltigen DDR-Pass von einem Konzert zum anderen durch Europa. Das gefiel meinem gekr\u00e4nkten Herzen, aber es war umst\u00e4ndlich. Die Beschaffung der Visa nach Spanien und Frankreich und Skandinavien kostete Zeit und Nerven und Geb\u00fchren. Die immer neuen Stempel fra\u00dfen sich in die kostbaren freien Bl\u00e4tter des DDR-Passes rein. Ewig konnte das nicht so weitergehn. Ich spielte mit dem Gedanken, Staatsb\u00fcrger der Niederlande zu werden. Die Vorsitzende der holl\u00e4ndischen Sozialdemokraten \u00bbPartij van de Arbeid\u00ab, len van den Heuvel in Amsterdam, bot mir das an. Ich lieb\u00e4ugelte mit dieser Volte, weil ich damit rein rechtlich zugleich meine DDR-Staatsb\u00fcrgerschaft h\u00e4tte behalten k\u00f6nnen. Doch der niederl\u00e4ndische Au\u00dfenminister verhinderte diesen Coup, und das war gut so.<\/p>\n<p>Ich lehnte die bundesdeutschen Papiere nicht etwa deshalb ab, weil ich diesen Status verachtet h\u00e4tte, keineswegs! Ich wollte vielmehr die Bonzen der SED nicht so locker \u00fcber&#8217;n Hocker aus meiner DDR-Staatsb\u00fcrgerschaft entlassen, wie sie mich aus der ihren. Nicht nur sie hatten mich verbissen, sondern auch ich war verbissen in meine vertrauten Feinde. Ich wollte diese sch\u00e4ndliche Ausb\u00fcrgerung nicht durch die automatische Einb\u00fcrgerung als Bundesb\u00fcrger formell akzeptieren. Als ich meine alte Freundin Lou Eisler in Wien wiedertraf, sagte sie: \u00bbWolf, die Ausb\u00fcrgerung ist das Beste, was dir passieren konnte! Jetzt kannst du endlich in die Welt!\u00ab Aber ich sch\u00fcttelte den Kopf und verstand sie nicht. Es ist die verr\u00fcckte Wahrheit: Wenn ich es mir 1976 h\u00e4tte aussuchen k\u00f6nnen, w\u00e4re ich lieber in die stalinistische Sowjetunion verbannt worden als in den kapitalistischen Westen. Dort h\u00e4tte ich das Problemchen mit der fremden Sprache gehabt, aber die Grundstrukturen der totalit\u00e4ren Gesellschaft waren mir famili\u00e4r vertraut, es herrschte halt der totalit\u00e4re Drache. Ich wollte die ersten Jahre nichts als zur\u00fcck in den Osten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 3em; text-indent: -3em;\">\u2014Wolf Biermann, \u00bbWarte nicht auf bessre Zeiten!\u00ab, (Berlin: <span style=\"white-space: nowrap;\">Ullstein Buchverlage GmbH<\/span>, <span style=\"white-space: nowrap;\">2016), 346-47<\/span>.<\/p>\n<\/blockquote>\n<div style=\"width: 640px;\" class=\"wp-video\"><video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-20172-1\" width=\"640\" height=\"417\" poster=\"https:\/\/mwehle.eu\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Wolf-Biermann-in-der-Kolner-Sporthalle-So-soll-es-sein.png\" preload=\"auto\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/mp4\" src=\"https:\/\/mwehle.eu\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Wolf-Biermann-in-der-Kolner-Sporthalle-So-soll-es-sein.mp4?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/mwehle.eu\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Wolf-Biermann-in-der-Kolner-Sporthalle-So-soll-es-sein.mp4\">https:\/\/mwehle.eu\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Wolf-Biermann-in-der-Kolner-Sporthalle-So-soll-es-sein.mp4<\/a><\/video><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den westdeutschen Reisepass wollte ich \u00fcber ein Jahr lang partout nicht annehmen. 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